Loftsalahellir Höhle in der Nähe von Vik
Blog Persönliche Gedanken

174 Tage Island – Was ich gesucht und gefunden habe

Durch mein linkes Fenster sehe ich bereits die Fähre im Hafen liegen, die mich samt meiner Wohnung auf zwei Rädern wieder zurück in Richtung Festland bringen wird. Langsam und gemütlich und genau das richtige Tempo, um die gesammelten Eindrücke und Erfahrungen in den 3 Tagen auf See ein wenig verarbeiten zu können. Ich mag die Fähre mit allem was dazu gehört und sie ist für mich mittlerweile ein fester Bestandteil der Reise.

Dieses Jahr war gleichzeitig auch ein kleines Jubiläum: Mein zehnter Besuch auf der Insel in gerade einmal sechs Jahren und in vielen Punkten auch ein neues Kapitel. Ich habe mit dem Kauf eines Wohnwagens für mich absolutes Camping-Neuland beschritten und bin erstmals auch ohne Rückfahrticket losgezogen. Ich wollte Island dieses Mal anders begegnen, als auf meinen Reisen zuvor und mir vor allem die Chance einräumen, so lange zu bleiben, wie ich möchte. Ohne dem Rückreisedatum im Kalender, bevor man überhaupt wirklich angekommen ist. Ich wollte sehen, ob es meine Begegnung mit Menschen verändert oder auch meine eigene Sicht auf das Land und seine Leute.

Ja, ich wollte meinen Traum auf den Prüfstand stellen, ob das hier meine Basis und auf lange Sicht vielleicht auch meine Heimat werden könnte. Ein Begriff, der durch zahlreiche Umzüge in den letzten Jahren sehr abstrakt geworden ist. Wer mich kennt, kennt auch den rastlosen Teil in mir, der immer etwas Neues sucht und mit dem wollte ich mich dieses Jahr ein wenig näher auseinandersetzen.

Ich hatte viele Erwartungen an diese Zeit und rückblickend vielleicht ein wenig zu viele. Es ist mir anfangs doch sehr schwer gefallen, mich einfach treiben zu lassen. Jeden Ort habe ich direkt als potentiellen Wohnort „abgescannt“, ohne mir überhaupt schon wirklich im Klaren darüber zu sein, ob Island insgesamt der richtige Platz für mich ist. Das Pferd von hinten aufzäumen ist manchmal die richtige Taktik und hilft oftmals vorwärts zu kommen, doch hier habe ich mich teilweise ein wenig selbst unter Druck gesetzt. Spätestens in Reykjavik wurde mir aber klar, dass hier vieles in Bewegung und im Umbruch ist – sowohl in meinem Freundeskreis als auch mit dem Ort selbst.

Viele meiner Freunde sind (wieder) im Ausland gelandet oder fest in Familie und Job gebunden, die Stadt platzt vor lauter Touristen aus allen Nähten und der Mietmarkt ist durch Airbnb zu einer unbezahlbaren Katastrophe mutiert. Aber das habe ich erst einmal erfolgreich ausgeblendet, denn wo ein Wille ist, da ist meistens auch (irgend)ein Weg. Zudem habe ich durch das Leben im Wohnwagen relativ schnell gemerkt, dass mir eine kleine Wohnung vollkommen ausreichen würde – bzw. ich sehne mich momentan eigentlich überhaupt nicht nach einer festen Behausung samt Umzugs- und Einrichtungsstress und der damit verbundenen Verantwortung. Ich liebe mein bewegliches „Wohn-Büro“ auf 12qm und dem endlos großen Garten samt ständig wechselndem Fernblick über atemberaubende Landschaften. Auch wenn man zum Duschen ein paar Meter laufen muss oder man bei einem heftigen Sturm durchgeschüttelt wird, so dass der Kaffee aus der Tasse schwappt …

Viel entscheidender ist mir mittlerweile, einen Ort zu finden, an dem ich auf spannende und ähnlich verrückte Menschen treffen kann. Leute mit den gleichen Flausen im Kopf und die Dinge auch anpacken, anstatt nur davon zu träumen. Und da reicht mir eine kleine Herde.

Der Ort ist letzten Endes auch gar nicht so entscheidend, sondern das, was man über die Zeit daraus macht. Und das wurde mir vor allem noch einmal durch die wundervolle Begegnung mit Madeline & Jan von Soundtracking : Iceland so richtig deutlich. Die beiden sind mit ihrem Wohnmobil ein halbes Jahr lang um die Insel getourt und haben auf wahnsinnig sympathische und authentische Art und Weise die Musikszene Islands dokumentiert.

Camping unter den Nordlichtern

Wir sind mit unseren rollenden Wohnungen auch viel gemeinsam unterwegs gewesen und haben bei überteuertem Bier, isländischer Bratwurst oder „Siedler von Catan“ über Lebensträume und Ziele philosophiert und viele spannende Gemeinsamkeiten entdeckt – unabhängig von den identischen Vornamen. Im April haben wir uns vor der Abreise im dänischen Hirtshals kennen gelernt und nun reihen wir uns gemeinsam in die bunte Fahrzeugschlange vor der Fähre in Seyðisfjörður ein – mit ein wenig Abschiedskoller, aber einer großen Portion inspirierender Ideen und Pläne im Gepäck …

Neben der Suche nach einem Ort zum Ankommen und Basislager aufschlagen, stand das halbe Jahr auch sehr unter dem Motto eigene Projekte und Ideen vorantreiben und ausprobieren.

Die Themen reichten von Fototouren auf Island über die Umsetzung dieses Blogs bis hin zur Suche nach neuen Wege, um mit meiner Fotografie Geld zu verdienen. Viele Ideen muss ich einfach antesten und merke dann so wirklich erst, ob die Sache wirklich zur mir passt oder nicht. In meinem Kopf schwirren meistens viele und unterschiedliche Ideen parallel herum und das Sortieren und Priorisieren fällt mir nicht immer leicht. Manchmal wird es etwas chaotisch, den Überblick zu behalten – für Außenstehende und erst recht für mich. Ich habe vor allem in den Sommermonaten viel Zeit mit der Konzeption und Ausgestaltung diverser Pläne verbracht und es blieb dank Mitternachtssonne immer noch genügend Zeit für meine Kunden übrig und natürlich auch zum Fotografieren und Entspannen.

Sonnenuntergang über Island

Ich kann mittlerweile hinsichtlich eigenen Projekten und Kooperationen mit Kollegen ein großes und wertvolles Fazit für mich ziehen: Ich muss mit dem Herz dabei sein und mich wirklich für die Sache begeistern können – bei allem anderen verliere ich auf kurz oder lang die Motivation und das Ergebnis wird maximal durchschnittlich sein. Man kann sich Kundenprojekte nicht immer komplett frei aussuchen oder sich nicht immer nur die Rosinen rauspicken, die einen zu 100% erfüllen. Das ist Wunschdenken fern von der Realität. Aber in die eigenen Projekte stecke ich freiwillig meine Zeit und Energie und das sollte immer ein Investment sein, das mich meinen persönlichen Zielen und Träumen ein Stück näher bringt.

Ich habe gelernt „Nein“ zu sagen oder Ideen einfach zu beerdigen, ohne mich dabei schlecht zu fühlen oder die bereits investierte Zeit als vergeudet anzusehen. Das Nein-Sagen wird mir sicherlich nie wirklich leicht fallen – besonders wenn die Idee wirtschaftlich durchaus interessant klingt. Aber es fühlt sich dennoch richtig und ich hatte genug Jahre in meiner Selbstständigkeit, da war an eigene Projekte neben dem Kundengeschäft nicht einmal im Traum zu denken … Das waren finanziell meistens sehr erfolgreiche Jahre – aber oftmals auch Zeiten, in denen ich persönlich am wenigsten an neuen Aufgaben wachsen konnte, wie das vor allem im Vergleich zu selbst gewählten Herausforderungen der Fall ist. Routine kommt eigentlich immer irgendwann auf und ist auch grundsätzlich nicht das Problem – Routine darf nur nicht das komplette Projekt dominieren und aktuell bin ich mit meinen Kunden und der Mischung an Aufgaben unterm Strich sehr glücklich.

Arbeitsplatz im Freien

Rückblickend kann ich sagen, dass ich ohne den leeren Kalender und all den Stunden vor dem Laptop keineswegs so viele wertvolle Ergebnisse erzielt hätte, die mich auch wirklich weiter bringen.

An Orten zu arbeiten, wo andere Urlaub machen, ist nicht immer einfach. Und generell ist es eine große Herausforderung, so viel Zeit alleine mit sich selbst zu verbringen. Aber die Natur hier im Norden gibt mir wahnsinnig viel und Langeweile kommt eigentlich nicht wirklich auf. Wenn ich den blinkenden Cursor auf dem Bildschirm nicht mehr ertragen kann oder mich so manche Software wieder zur Weißglut treibt, dann schnappe ich mir die Kamera oder das Fahrrad und mache eine Pause oder auch einfach Feierabend – dann geht es eben morgen weiter. In der Natur gibt es für mich so viele spannende Dinge zu entdecken und zu tun und so finde ich immer wieder schnell meine inner Ruhe und mein Gleichgewicht. Vor allem in den teils menschenleeren Landschaften hier im Norden, wo der Blick nicht an einer langweiligen Häuserwand endet, sondern wirklich erst am weit entfernten Horizont.

Ich schätze die Gemeinschaft und den Austausch mit Familie, Freunden und Kollegen sehr, doch manchmal brauche auch ich diese Phasen des Alleinseins – entweder um mit Dingen voran zu kommen, die mir am Herzen liegen oder um Klarheit über eigene Träume und Ideen zu bekommen. Das fällt mir meistens mit ein wenig Abstand deutlich leichter als im Trubel des Alltags, wo man doch selten wirklich zur Ruhe kommt und sich voll auf eine Sache konzentrieren kann.

Und an der Stelle bin ich auch wahnsinnig dankbar, dass meine beruflichen Tätigkeiten als Webdesigner und Fotograf die nötige Flexibilität und Ortsunabhängigkeit mit sich bringen und den Job nehme ich auch immer gerne mit auf Reisen – denn so ganz ohne Beschäftigung würde ich wahrscheinlich selbst in Island auf Dauer unglücklich werden. Und die Decke ist mir eigentlich nie wirklich nahe gekommen, dazu habe ich immer rechtzeitig das Programm oder den Ort gewechselt.

Blick über den Skaftafell Nationalpark in Island

Das Fazit dieses halben Jahres ist so vielseitig wie Island selbst – aber am glücklichsten bin ich über die neuen Begegnungen, Erkenntnisse und Chancen aus diesen Monaten. Ich bin gespannt auf die kommenden Monate und vor allem, wie sich das alles in Deutschland anfühlen wird …

Dir hat der Beitrag gefallen?
Dann würde ich mich sehr freuen, wenn du ihn mit deinen Freunden teilst:

  1. Hallo Jan Erik,
    ich war leider noch nicht auf Island, aber es ist ein Land das ich sehr gerne bereisen möchte. Überhaupt die skandinavischen Länder stehen als nächstes auf der Liste mit Reisezielen.

    Mich zieht es immer wieder nach Irland und Schottland. Ich mag die Mentalität, das Wetter, aber vorallem die Landschaft. Ich kann das nachvollziehen, wenn man immer wieder in das gleiche Land reisen möchte. Auch ich hab mir schon das Auswandern, bzw. das Auswandern auf Zeit überlegt.

    Ich habe auch ständig neue Ideen und Träume, aber wenn ich dann auslote ob es dauerhaft etwas für mich wäre muss ich ähnlich wie du auch oft zur Erkenntniss kommen, dass es in der Realität oder Praxis wohl doch nicht das wäre, was ich gerne hätte. Wie du auch muss ich 100% von etwas überzeugt sein, damit ich mich damit wohl fühle.

    Toll dass du freiberuflich so ungebunden bist und dir solche Auszeiten/Abenteuer gönnen kannst.
    Ich freue mich auf weitere Reiseberichte und vorallem schöne Fotos.

    Grüße
    Christine

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.