Mit dem Wohnwagen durch Island
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Das langsame Reisen und wieso immer wieder Island

Einmal um die Insel in weniger als 10 Tagen.

Das ist in Island der Reiseplan von den allermeisten Menschen, die ich unterwegs getroffen habe. Und ich habe bei meinem ersten Besuch im Juni 2010 die Insel ebenfalls in nur sechs Tagen komplett umrundet. Es sind ja „nur“ 1.300 km denkt man sich oder lediglich 100-200 km pro Tag …

Ich hatte aber keine Vorstellung davon, wie viele neue Eindrücke jeden Tag wie eine Welle über mich hinweg rollen würden. Wirklich hängen geblieben ist nach meinem ersten Islandaufenthalt wenig, lediglich der ausgeprägte Wunsch, hier noch einmal mit deutlich mehr Zeit zurück zu kommen. Die vielen Fotos konnte ich ohne Hilfe des Zeitstempels teilweise überhaupt nicht mehr in die richtige Reihenfolge bringen und bis heute gibt es Motive, bei denen ich den exakten Ort ohne die Hilfe von Google Street View nicht wiederfinden würde.

Mittlerweile ist mein Wunsch aber deutlich leiser geworden, alle Länder dieser Welt auf der Karte abzuhaken und ich bin zu einem „Wiederholungstäter“ geworden. Ich reise vermehrt in die gleichen Ecken, aber immer mit einem etwas anderen Schwerpunkt oder zu einer anderen Jahreszeit. Mal eine kleine Stadtwohnung im Winter oder der Campingurlaub im Sommer. Ich schreibe diese Zeilen während meines zehnten Aufenthalts auf Island, was für nur sechs Jahre ein doch recht ordentlicher Schnitt ist.

Oftmals sehe ich aber die kleinen Fragezeichen in den Gesichtern, wenn ich von meinem nächsten Island-Trip erzähle.

„Warum fährt der Kerl immer wieder nach Island, wenn es doch so viele andere und mindestens ebenso spannende Länder gibt?“

Für mich ist Island so eine Art Heimspiel geworden. Ich weiß zwar ungefähr was mich erwartet und doch ist jeder Trip für sich wieder etwas Neues und absolut spannendes. Ich kann mittlerweile mit gutem Gefühl an den allermeisten Wasserfällen einfach vorbei fahren und muss mir keinen Parkplatz zwischen einem Dutzend Reisebussen suchen. Ich kenne hier oben immer noch genug reizvolle Flecken, die vom Massentourismus noch nicht überrollt wurden und entdecke mit jedem Besuch sogar noch weitere. Diese Orte entdeckt man auch nur, wenn man sich Zeit lässt und auch einmal Nebenstraßen ansteuert, die nicht im Lonely Planet oder einem mittelprächtig recherchierten Blogbeitrag stehen.

Das sind Orte an denen man noch wirklich Urlaub machen und den „echten“ Flair des Landes erleben kann. Und es sind vor allem auch Orte, an denen man auf Gleichgesinnte trifft und nicht nach wenigen Minuten schon in den üblichen interviewartigen Gesprächen (bzw. Monologen) verwickelt wird, wo man für „Erstbesucher“ nur als Tipp- und Ideenquelle dient. Es ist ja nicht so, dass ich meine Erfahrungen nicht gerne teile, aber ein wenig eigenständige Recherche oder Spontanität gehören ja schließlich auch zum Reisen.

Nordlichter über Wohnwagen in Island

Mittlerweile sind knapp sechs Monate vergangen und ich habe die Insel mit meinem Wohnwagen-Gespann immer noch nicht komplett umrundet und war an allen Ort im Durchschnitt gute zwei Wochen. Damit war ich auch der einzige Langzeitgast auf so ziemlich jedem Campingplatz. Und auch an der Rezeption war man meistens etwas irritiert über meinen Wunsch, für gleich mehr als eine Hand voll Tage bezahlen zu wollen. Die meisten Campingplätze gleichen leider auch eher einem zweckmäßigen Parkplatz zum Übernachten, als einem Ort zum Verweilen und Urlaub machen.

Für mich sind diese 2-3 Wochen aus einer Vielzahl an Gründen die ideale Zeitspanne. Ich bin ja nicht nur zum Vergnügen hier, sondern muss auch meiner Arbeit nachgehen und Geld verdienen. Das gehört nun einmal fest zu meinem Alltag und meine Kunden gehen da einfach vor – da kann das Wetter noch so verlockend für eine kleine Wanderung sein. Das muss auf den Abend oder die nächsten Tage warten. Durch diese Gewissheit ist meine innere Unruhe und Angst etwas zu verpassen beinahe vollkommen verschwunden, mit denen ich auf meinen früheren Reisen doch ziemlich zu kämpfen hatte. Ich teile mir meine Zeit prinzipiell sehr frei ein und liebe den nordischen Sommer, wenn man abends noch auf einen Ausflug starten kann, da der Tag dank Mitternachtssonne einfach nicht enden will. Das entschleunigt enorm und macht einen gemütlicheren Menschen aus mir.

Mit am spannendsten finde ich aber, wie man Orte ganz anders kennen lernt, wenn man sich wirklich Zeit nimmt. Da gibt es Ecken, die vor wenigen Jahren nur als Tankstopp dienten und dieses Mal verbringe ich dort ganze zwei Wochen, ohne mich auch nur ein bisschen zu langweilen.

Und der Tag der Weiterreise fühlt sich auch jedes Mal aufs Neue wie ein kleiner Abschied an, weil man eben auch wirklich angekommen ist.

Ich habe durch das gemütliche Tempo nun die Zeit, mir all die Sehenswürdigkeiten sinnvoll aufzuteilen und muss das nicht alles in einen einzigen Tag packen, an dem dann eventuell nicht einmal das Wetter mitspielt. Ja, besonders das Wetter ist hier im Norden nicht immer dein Freund. Bei einem siebentägigen Roadtrip um die Insel überlässt man es niemandem anderem als dem Glück, ob das Wetter mitspielt oder nicht. Da freut man sich schon seit Wochen auf diesen einen Berg, der dann vor lauter Nebel kaum zu erkennen ist …. Einen Tag länger bleiben ist leider nicht drin, da die nächste Übernachtung ja schon gebucht ist. Solche Situationen sind besonders für mich als Fotograf schmerzvoll, aber nun habe ich eine faire Chance auf ein schönes Motiv von jedem Ort, der mir am Herzen liegt.

Ich habe auch immer wieder gemerkt, wie sehr sich die Menschen freuen, wenn man sich wirklich für ihre Gegend interessiert und ein paar andere Dinge wissen möchte, als den schnellsten Weg zum Wasserfall oder den nächstgelegenen Geldautomat. Viele Orte hätte ich ohne diese Begegnungen niemals auf eigene Faust entdeckt und da waren für mich absolute Highlights dabei, wie dieser Canyon nahe Hvolsvöllur oder jene Höhle an der Südküste:

island-besondere-orte

In dem Canyon bin ich beispielsweise einen halben Tag lang herumgeklettert, ohne einen anderen Menschen zu sehen und ein Schild suchte man ebenfalls vergebens. Ich habe auch einfach Spaß daran, eine neue Gegend zu erkunden und mir wieder mein kleines Netzwerk aus Supermarkt, Restaurants, Cafés und Schwimmbad aufzubauen. Das mag für manch einen vielleicht lästig klingen, aber ich habe irgendwie Freude daran und der Alltag erscheint mir dadurch auch niemals monoton. Und nicht selten stolpert man dabei über tolle Orte, die man gar nicht einmal gesucht hat …

Und zu guter Letzt bin ich in alltäglichen Dingen auch tendenziell eher ein fauler Mensch und das Zusammenpacken, Aufbrechen und wieder Auspacken ist mir beim Camping doch schnell ein kleiner Stressfaktor. Das ist aber vollkommen verschmerzbar, wenn es nur alle paar Wochen einmal passiert.

Dieser Beitrag ist meine kleine Hymne auf das langsame und gemütliche Reisen.

Die ganze Welt wird ohnehin kein Mensch in seiner Lebensspanne jemals sehen können und ich möchte lieber einen kleinen Teil der Welt erkunden, diesen aber auch wirklich intensiv erleben. Am Ende muss für mich persönlich mehr hängen bleiben, als eine rauschende Sammlung an Erinnerungen und einer randvollen Speicherkarte mit Fotos.

Und wenn man nur sieben Tage zur Verfügung hat, dann ist meine Island-Empfehlung momentan die Snæfellsnes Halbinsel – nur 250 km vom Flughafen Keflavik entfernt und so etwas wie eine Miniatur-Version des gesamten Landes: Von atemberaubenden Küsten mit Basaltfelsen über wunderschöne Wasserfälle bis hin zu einem eindrucksvollen Gletscher, der Jules Verne zu seinem Buch „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ inspiriert hat.

Weitere Fotos von meinen Island-Reisen

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  1. Hallo Jan

    nette Reiseberichte habe ich da eben von Dir gelesen. Ich werde dieses Jahr dort auch mit der Fähre landen, aber mit dem Rad. 30 Jahre Gespannfahren hat mir gereicht. Jetzt nur noch mit dem Rad. War 2016 6 Wochen von Bergen/Norwegen nach Hause gefahren. Schön, so ohne Blech um einen umzu. Und die Langsamkeit hat mir gefallen. Zelten fast nur „wild“, was ja in Island nicht so möglich sein soll. Da hört und ließt man verschiedenes. Mit dem Rad, oder wandern will ich auch, glaube ich kann man in Gegenden gelangen, die für den Wohnwagenfahrer nicht erreichbar sind. Da dann zu zelten, wo man niemand sieht und hört stelle ich mir nicht so schwer vor. Sollten irgendwo Häuser auftauchen, kann man auch fragen und da habe ich bisher nie ein NEIN bekommen. Für die gut 8 Wochen Island würde sich dann ja die Campingkarte evtl. lohnen, auch wenn ich nicht nur diese Plätze nehmen werden (muss) Es gibt ja noch div. andere.
    Wie ist der Netzempfang denn im Landesinneren? Bin da ein bißchen von Norwegen verwöhnt. Selbst in den entlegensten Ecken immer vollen Empfang.

    Gruß

    Martin

    • Hallo Martin,

      danke für dein nettes Feedback! In Island gibt es zwar neue Gesetze hinsichtlich „wild“ campen, das wird aber allgemein doch noch sehr entspannt gesehen, wenn man sich nicht grob daneben benimmt (vor dem Supermarkt/Bank/Rathaus oder direkt neben der Straße im Moos etc.) – ansonsten nett fragen und dann bekommt man meistens auch grünes Licht oder einen Tipp. Der Netzempfang ist selbst im Landesinneren noch sehr gut! Ich hatte sogar an stellen 3G Netz, wo ich weit und breit kein Haus/Sendemast gesehen habe. Aber es gibt natürlich auch Funklöcher – am besten vorher hier mal vorbei schauen, das gibt einen guten Überblick: https://www.siminn.is/english/support/coverage/

      Grüße
      Jan

  2. Pingback: Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Wie motiviere ich mich? | DigitalerWikinger

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